Wenn Funktionieren zu deiner Überlebensstrategie geworden ist, fühlst du dich oft leer, obwohl nach außen alles läuft. Diese tiefe Erschöpfung ist kein Fehler, sondern ein altes Schutzprogramm deines Nervensystems.

Es ist eines dieser Themen, über die wir beim Elterncafé oder auf dem Spielplatz eher selten sprechen. Es gehört zu den großen Tabus der Mutterschaft: das Gefühl, ab einem gewissen, sehr individuellen Zeitpunkt, die Nähe des eigenen Kindes kaum noch ertragen zu können.
Du liebst dein Kind. Das steht normalerweise außer Frage.
Und trotzdem gibt es diesen Moment - abends, wenn du vielleicht schon zwei Stunden lang das Kind einschlafbegleitet hast oder das Baby gefühlt schon ewig an deiner Brust hing. Wenn dann wieder eine kleine Hand nach dir greift, wenn jemand sich an dich schmiegt oder auf deinen Schoß klettern will - und du innerlich einen Schritt zurückgehst.
In dem du denkst: Bitte. Nicht noch mehr.
Und dann kommt die Scham. Der innere Kritiker meldet sich lautstartk. Weil du das so empfindest. Weil eine gute Mutter das doch nicht so empfinden würde.
Doch. Eine erschöpfte Mutter schon.
Berührungserschöpfung - im Englischen treffend als „touched out“ bezeichnet ist kein Zeichen von mangelnder Liebe.
Sie ist eine physiologische Reaktion auf sensorische Überreizung.
Dein Körper kann nur ein gewisses Maß an physischen Reizen aufnehmen, bevor das Nervensystem signalisiert:
Genug. Ich brauche meinen Raum zurück.
Bei uns Müttern ist dieser Raum oft den ganzen Tag über besetzt. Das Kleinkind, das getragen werden will. Das Baby wird gestillt. Die kleinen Hände, die ziehen, klammern und festhalten.
Wir verbringen Stunden damit, die Bedürfnisse anderer körperlich zu regulieren.
Das ist wichtige Bindungsarbeit, ja - aber es ist auch eine enorme energetische Leistung deines Körpers. Und daher für viele Frauen auch einfach schlichtweg erschöpfend.
Das autonome Nervensystem ist kein moralisches System. Es bewertet nicht,ob eine Berührung von jemandem kommt, den du liebst. Es registriert schlichtweg Reize.
Das ist derselbe Mechanismus, der dir sagt, dass du nach einem lauten Konzert Stille brauchst. Oder dass du nach einem vollen
Arbeitstag mit vielen Menschen das Gespräch mit deinem Partner nicht mehr führen kannst.
Dein Körper braucht das, was ihm den ganzen Tag genommen wurde: Raum. Grenzen. Die Erfahrung, dass er dir selbst gehört.
Das ist keine Zurückweisung deines Kindes. Das ist dein Nervensystem, das dir etwas Wichtiges mitteilt.
Viele von uns haben gelernt, über ihre eigenen körperlichen Grenzen hinwegzugehen. Wir halten durch. Wir geben weiter Nähe, obwohl sich in uns alles zusammenzieht.
Wir sagen uns: „Es ist nur eine kurze Phase. Gleich ist er/sie im Bett. Ich schaffe das noch bis heute Abend."
Das Problem ist: Wenn wir diese biologische Grenze dauerhaft ignorieren, rutscht unser Nervensystem tiefer in den Alarmmodus.
Die Folge ist eine Gereiztheit, die scheinbar aus dem Nichts kommt. Das scharfe Nein, das herausfährt, ein unkontrolliertes Zurückweichen oder das Gefühl, dass der eigene Körper zu einem Gefängnis wird.
Das sind keine Anzeichen dafür, dass du eine „schlechte Mutter“ bist. Es sind die Notsignale eines Systems, das zu lange auf Reserve gelaufen ist.
Es gibt keine perfekte Lösung, keine Formel, die Berührungserschöpfung einfach auflöst, wenn die Umstände es nicht zulassen.
Kleine Kinder brauchen viel Nähe. Das ist real und ist auch wichtig.
Dem Bedürfnis einen Namen geben.
Für sich selbst, ohne Scham: "Ich bin gerade berührungserschöpft." Das ist wie Hunger oder Müdigkeit - ein Körpersignal, kein Charakterzug.
Wenn möglich: kurze Momente, in denen der Körper wirklich dir gehört.
Nicht zwingend Stunden. 10 Minuten in der Badewanne, in der die Tür zu ist. Ein Spaziergang - allein. Das Gefühl, den eigenen Körper im eigenen Tempo zubewegen.
Und - wenn der Partner oder andere Bezugspersonen vorhanden sind: sagen,was gebraucht wird. "
Ich brauche heute Abend zwanzig Minuten, in denen mich niemand anfasst. Kannst du die Einschlafzeit übernehmen?"
Das ist keine Abweisung deiner Familie. Das ist Selbstregulation. Und ein regulierter Körper ist morgen wieder zugänglicher, wärmer, präsenter.
Es gibt einen Satz, den viele Frauen und insbeosondere Cycle Breaker nie gehört haben:
Du darfst Grenzen in deinem eigenen Körper haben.
Es ist sogar wertvoll, wenn dein Kind erlebt, dass du liebevoll sagst:
„Ich brauche gerade kurz meinen Raum für mich. In fünf Minuten können wir wieder kuscheln.“
Damit lebst du deinem Kind vor, dass der eigene Körper schützenswert ist und man Bedürfnisse achten darf.
Dein Körper gehört dir.
Und genau dieser geschützte Raum ist das Fundament, auf dem eure echte Verbundenheit wachsen kann.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und Orientierung. Er ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Beratung. Wenn du das Gefühl hast, professionelle Unterstützung zu benötigen, empfehle ich dir, eine Fachperson aufzusuchen.